Rudolf Kippenhahn (24.5.1926 – 15.11.2020)

Emeritiertes Wissenschaftliches Mitglied und ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Astrophysik

17. November 2020

Rudolf Kippenhahn, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Astrophysik in Garching, ist am 15.11.2020 im Alter von 94 Jahren in Göttingen verstorben. Wir verlieren mit ihm einen Menschen, der nicht nur mit seinen wissenschaftlichen Leistungen das Gebiet der theoretischen Astrophysik über viele Jahre prägte, sondern auch unserem Institut zu einem ganz speziellen Stil der Forschung und des wissenschaftlichen Austausches verhalf.

Rudolf Kippenhahn

Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Struktur und Entwicklung von Sternen Schwerpunkte astronomischer Forschung. In dieser Zeit wurde Rudolf Kippenhahn zu einem der Pioniere der numerischen Modellierung von Sternen, und etablierte dieses Gebiet in Deutschland und anderen Ländern. Er wurde 1974 als Nachfolger von Ludwig Biermann zum Direktor des Instituts für Astrophysik berufen, das zu dieser Zeit noch Teilinstitut des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik war. Bereits 1963 war er zum Wissenschaftlichen Mitglied und Leiter der Abteilung für Theoretische Astrophysik ernannt worden, und leitete von 1965 bis zu seiner Rückkehr zur Max-Planck-Gesellschaft als Direktor die Universitätssternwarte in Göttingen.

Zusammen mit Alfred Weigert, Emmi Meyer-Hofmeister und später Hans-Christoph Thomas entwickelte und etablierte Rudolf Kippenhahn ein Sternentwicklungsprogramm, das zu einem der Standardprogramme dieses Fachgebietes wurde und weltweit Verbreitung fand. Mit Hilfe dieses Programms wurden zahlreiche Aspekte der Entwicklung von Sternen unterschiedlichster Massen und Entwicklungsphasen untersucht und aufgeklärt. Daneben entwickelte Rudolf Kippenhahn verschiedene Methoden, mit deren Hilfe mehrdimensionale physikalische Effekte in Sternen in eindimensionalen Rechnungen näherungsweise modelliert werden können. Dazu zählen die Rotation und das thermohaline Mischen ebenso wie die Entwicklung von Doppelsternen. Diese Methoden werden bis heute nahezu unverändert verwendet. Sein mit Weigert verfasstes Lehrbuch zum Thema gehört zu den Standardwerken des Feldes.

So sehr ihm Sterne am Herzen lagen, so wenig wurde das Institut für Astrophysik unter seiner Leitung zu einem Sterne-Institut. Kippenhahns breit gefächertes Interesse, seine unstillbare Neugier auf neue Erkenntnisse und sein tiefes Verständnis spiegelten sich auch in der Breite der am Institut durchgeführten Forschungsarbeiten wieder. Von Kometen bis zur Relativitätstheorie und Kosmologie reichte die Breite theoretischer Arbeiten, und unter der Leitung von Heinz Billing beherbergte das Institut auch eine experimentelle Abteilung zur Gravitationswellenforschung.

Unter Rudolf Kippenhahn etablierte sich das Institut zu einem international anerkannten Zentrum numerisch-theoretischer Astrophysik. Nach seiner Emeritierung im Jahre 1991 wandte er sich verstärkt dem Schreiben populärwissenschaftlicher Bücher zu, für die er ebenso wie für seine wissenschaftlichen Leistungen mit Preisen ausgezeichnet wurde. Rudolf Kippenhahn war Vizepräsident der Internationalen Astronomischen Union und Vorsitzender der Astronomischen Gesellschaft, deren Karl-Schwarzschild-Medaille er erhielt, und zu deren Ehrenmitglied er ernannt wurde. Er erhielt neben anderen Auszeichnungen auch die Eddington-Medaille der Royal Astronomical Society und das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Rudolf Kippenhahn leitete das seit 1979 in Garching beheimatete Institut mit einer sanften, liberalen Hand und mit viel Humor. Nicht zufällig hieß ein Raum für wissenschaftliche Diskussionen “Forschungsfreiraum”. Er legte nicht nur Wert auf breite theoretische, insbesondere numerisch unterstützte Forschung, er förderte auch in jeder Beziehung die Kommunikation zwischen den einzelnen Gruppen. Die Tradition der freien theoretischen Forschung und des wissenschaftlichen Dialoges prägt das Institut bis zum heutigen Tage.

Rudolf Kippenhahn hat tiefe Spuren nicht nur in der theoretischen Astrophysik hinterlassen. Er hat in seinem Institut eine ganz eigene Kultur freier Forschung auf höchstem Niveau etabliert, die den Charakter des Max-Planck-Instituts für Astrophysik bis heute prägt. Wir sind ihm zu Dank verpflichtet, und werden sein Andenken und dieses Erbe ehrend bewahren.

Achim Weiss und Volker Springel 

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