Kontakt

Hämmerle, Hannelore
Hämmerle, Hannelore
Pressesprecher/in
Telefon: 3980
Raum: MPE-1.2.20

MPA News

Nachruf auf Heinz Billing

10. Januar 2017

Er galt als Pionier der Entwicklung von elektronischen Rechenmaschinen in Deutschland und war einer der Begründer der Gravitationswellenastronomie: Am 4. Januar 2017 verstarb der Astrophysiker Heinz Billing im Alter von 102 Jahren. Billing war von 1961 bis ’82 wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching.

Geboren am 7. April 1914 in Salzwedel (Sachsen-Anhalt) zog Heinz Billing nach dem Abitur 1932 für sein Studium nach Göttingen, da dies für ihn „die Hochburg der Mathematik“ war, wie er in seiner Autobiografie schrieb. Nach seiner Doktorarbeit an der Universität München 1938 mit einem Spiegeldrehversuch zum Welle-Teilchen-Dualismus des Lichts, bewarb er sich bei der Aerodynamischen Versuchsanstalt (AVA) in Göttingen. Nachdem er zunächst zum Wehrdienst einberufen wurde, konnte er 1941 als „unabkömmlich“ an die AVA nach Göttingen zurückkehren, wo er Mikrofone für Jagdflugzeuge entwickeln sollte, die feindliche Flugzeuge am Propellergeräusch erkennen sollten.

Computerpionier Heinz Billing an seiner Rechenmaschine G3, die nach zwölfjähriger Betriebszeit in einer kleinen Feier am 9. November 1972 endgültig abgeschaltet wurde. Bild vergrößern
Computerpionier Heinz Billing an seiner Rechenmaschine G3, die nach zwölfjähriger Betriebszeit in einer kleinen Feier am 9. November 1972 endgültig abgeschaltet wurde. [weniger]

Nach Ende des zweiten Weltkrieges zogen mehrere Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (der Vorläuferin der MPG) in die größtenteils leerstehenden Gebäude der AVA ein, u.a. das Institut für Physik sowie das 1946 gegründete „Institut für Instrumentenkunde“. Hier entwickelte Billing ab 1948 seine erste Rechenmaschine mit einem Magnettrommelspeicher, einer Technologie, die er bereits für seine Versuche zur Geräuschunterdrückung eingesetzt hatte. Die G1 – „Göttingen 1“ – wurde 1950 fertiggestellt und arbeitete wie heutige Computer mit einem binären Code, also den Ziffern Null und Eins. Eine Rechenoperation dauerte etwa eine Sekunde, der Speicher hatte eine Kapazität von 26 Zahlen – kein Vergleich zu heutigen Computern, allerdings war die G1 damit rund zehnmal schneller als die damals üblichen mechanischen Rechenautomaten.

Vor allem der Astrophysiker Ludwig Biermann (1907-86) zeigte großes Interesse an der Rechenmaschine und bestärkte Billing darin diese weiterzuentwickeln. So folgten 1955 die G2 und 1960 schließlich die G3 (in Betrieb bis 1972), die bereits 5000 bis 10 000 Rechenoperationen pro Sekunde schaffte. Viele Wissenschaftler standen der neuen Technologie anfangs allerdings noch sehr skeptisch gegenüber. So bat eine astrophysikalische Arbeitsgruppe aus Heidelberg die Göttinger damals, die Bahn eines neu entdeckten Asteroiden zu berechnen. Die Ergebnisse der G2 wichen deutlich von denen der Rechengruppe ab, die mit mechanischen Tischrechenmaschinen gearbeitet hatte, was als Versagen des Göttinger Rechners gedeutet wurde. Spätere Beobachtungen zeigten dann aber, dass der Asteroid an der von Göttingen vorher gesagten Position auftauchte – die Maschine hatte ein besseres Ergebnis geliefert als die Rechengruppe.

Im Jahr 1961 wurde Billing zum Wissenschaftlichen Mitglied des MPI für Physik und Astrophysik berufen, das 1958 von Göttingen nach München umgezogen war. 1968 wurde Billing Vorsitzender des neu gegründeten „Beratenden Ausschuss für EDV-Anlagen in der Max-Planck-Gesellschaft“ (BAR) aufgrund des zunehmenden Bedeutung von Rechenanlagen für die Lösung wissenschaftlicher Aufgaben. Nach seinem Ausscheiden als Vorsitzender gehörte Billing dem BAR noch bis 1998 an. Seit 1993 wird der „Heinz-Billing-Preis zur Förderung des wissenschaftlichen Rechnens“ von der Heinz-Billing-Vereinigung zur Förderung des wissenschaftlichen Rechnens e. V., einem innerhalb der Max-Planck-Gesellschaft gegründeten Verein, vergeben.

Gewichtiges Experiment: Mit einem solchen massiven Zylinder aus Aluminium hat die Gruppe um Heinz Billing Anfang der 1970er-Jahre nach Gravitationswellen gefahndet. Bild vergrößern

Gewichtiges Experiment: Mit einem solchen massiven Zylinder aus Aluminium hat die Gruppe um Heinz Billing Anfang der 1970er-Jahre nach Gravitationswellen gefahndet.

[weniger]

Obwohl Heinz Billing als Computerpionier seiner Zeit voraus war, drängte er nicht auf eine industrielle Entwicklung seiner Rechner. Stattdessen kehrte er wieder zur Physik zurück und versuchte ab 1970 den Gravitationswellenversuch von Joseph Weber zu überprüfen. Hierzu baute er mit seiner Gruppe in München und im italienischen Frascati tonnenschwere Aluminiumzylinder als Gravitationswellendetektoren. Diese konnten relative Längenänderungen von nur 10-15 registrieren. Trotzdem konnten die Ergebnisse nicht bestätigt werden, was aber nicht überraschend war. Die Methode war nicht empfindlich genug, um die theoretisch vorhergesagten Signale zu messen. Deshalb wandte sich die Gruppe der neuen Technik der Laserinterferometrie zu; 1975 wurde der erste Prototyp in Garching gebaut. Diese Versuche waren die Keimzelle für den erfolgreichen Nachweis von Gravitationswellen im September 2015, den Billing mit 101 Jahren erleben durfte.

Billing erhielt zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen. So wurde er u.a. im Juli 1967 zum Honorarprofessor der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ernannt, erhielt 1987 als Erster die Konrad-Zuse-Medaille der Gesellschaft für Informatik und 2006 den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst, die höchste Auszeichnung des Freistaates Bayern. Er wurde 2013 zum Ehrenbürger der Stadt Salzwedel ernannt und erhielt 2015 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland sowie 2016 die Goldene Verdienstmedaille der Stadt Garching, wo er mehr als 40 Jahre lebte. Billing starb am 4. Januar 2017 im Alter von 102 Jahren.

 
loading content
Zur Redakteursansicht